Donnerstag, 24. Dezember 2009
Novembermorgen
silf, 03:16h
Als hätten sie seine Manteltaschen mit Steinen gefüllt. Als seien seine Augen leere Vogeleier, sein Mund selbst der verklemmte stumme Schrei, der es aus sich selbst heraus nicht geschafft hatte. Seine Hände liegen neben seinem Körper, als gehörten sie ihm nicht, als gehörten sie nicht zu ihm, weich und doch angestrengt verbogen in ihrer Blässe, beide Mittelfinger abgewinkelt, als wollten sie auf etwas zeigen, auf etwas hinweisen, auf das Letzte oder Erste, das hätte wichtig sein können.
Ich habe noch nie zuvor in meinem Leben einen Toten gesehen. Meinen Großvater durfte ich nicht sehen, ich sei zu klein dafür, hatten sie gesagt, ich dürfe ihn nicht zu Gesicht bekommen, weil er mich ängstigen würde, und ich war sehr klein damals, ich war sehr klein, aber ich weiß noch, schon damals dachte ich, mehr als lebend könne er mich nicht erschrecken, der alte wütende Großvater mit seinem zitternden verkniffenen Mund und dem stets zum nächsten Schlag bereit erhobenen Arm, und ich hörte, als sie dachten ich könne es gerade nicht hören, da hörte ich wie sie sagten, es sei gut dass es ihn nicht mehr gebe, denn jetzt könne er keinem der Kinder mehr weh tun, er könne sie nicht mehr verängstigen. Und ich verstand nicht, warum ich ihn nicht sehen durfte, aber ich konnte auch nicht fragen, denn sie wussten nicht, dass ich sie gehört hatte.
Und jetzt liegt also dieser Mann vor mir auf dem Kies, und ich kann mir nicht so wirklich vorstellen wie er dahin gekommen ist, wie er auf den Kies gespült wurde, hier genau vor meine Füße an diesem kalten Novembermorgen, als sei er aus dem Rhein gestiegen, um sich hier hin zu legen, so liegt er da, als habe er sich selbst aus dem dunkelgrauen Wasser gezogen und es sich bequem gemacht, als sei er erst dann gestorben, nur seine Hände, die konnte er wohl nicht mehr richtig hinlegen, für seine Hände hat er keinen Platz mehr gefunden, genau so sieht es aus. Sein Gesicht ist ganz weiß und aufgedunsen, seine Augen starren halbgeöffnet irgendwo in das trübe Nichts eines Himmels, der selbst noch nicht so recht weiß, ob er hell werden soll oder nicht, und ich frage mich ob ich dem Verlangen nachgeben darf, ihm die Haare zu ordnen, sie sind so wirr und dunkelgrau wie das Wasser, und ich denke mir, dass sie bestimmt auch so kalt sind wie es das Wasser sein muss, das Wasser an diesem dunkelgrauen Novembermorgen, an dem man Stunden damit zubringen kann, auf den Sonnenaufgang zu warten, und man bemerkt nicht, dass es schon längst passiert ist, dass die Sonne schon längst aufgegangen ist.
Ich habe noch nie zuvor in meinem Leben einen Toten gesehen. Meinen Großvater durfte ich nicht sehen, ich sei zu klein dafür, hatten sie gesagt, ich dürfe ihn nicht zu Gesicht bekommen, weil er mich ängstigen würde, und ich war sehr klein damals, ich war sehr klein, aber ich weiß noch, schon damals dachte ich, mehr als lebend könne er mich nicht erschrecken, der alte wütende Großvater mit seinem zitternden verkniffenen Mund und dem stets zum nächsten Schlag bereit erhobenen Arm, und ich hörte, als sie dachten ich könne es gerade nicht hören, da hörte ich wie sie sagten, es sei gut dass es ihn nicht mehr gebe, denn jetzt könne er keinem der Kinder mehr weh tun, er könne sie nicht mehr verängstigen. Und ich verstand nicht, warum ich ihn nicht sehen durfte, aber ich konnte auch nicht fragen, denn sie wussten nicht, dass ich sie gehört hatte.
Und jetzt liegt also dieser Mann vor mir auf dem Kies, und ich kann mir nicht so wirklich vorstellen wie er dahin gekommen ist, wie er auf den Kies gespült wurde, hier genau vor meine Füße an diesem kalten Novembermorgen, als sei er aus dem Rhein gestiegen, um sich hier hin zu legen, so liegt er da, als habe er sich selbst aus dem dunkelgrauen Wasser gezogen und es sich bequem gemacht, als sei er erst dann gestorben, nur seine Hände, die konnte er wohl nicht mehr richtig hinlegen, für seine Hände hat er keinen Platz mehr gefunden, genau so sieht es aus. Sein Gesicht ist ganz weiß und aufgedunsen, seine Augen starren halbgeöffnet irgendwo in das trübe Nichts eines Himmels, der selbst noch nicht so recht weiß, ob er hell werden soll oder nicht, und ich frage mich ob ich dem Verlangen nachgeben darf, ihm die Haare zu ordnen, sie sind so wirr und dunkelgrau wie das Wasser, und ich denke mir, dass sie bestimmt auch so kalt sind wie es das Wasser sein muss, das Wasser an diesem dunkelgrauen Novembermorgen, an dem man Stunden damit zubringen kann, auf den Sonnenaufgang zu warten, und man bemerkt nicht, dass es schon längst passiert ist, dass die Sonne schon längst aufgegangen ist.
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